Kurioser Kurort Kemeri: Keine Kundschaft!

Einer der Höhepunkte unseres Aufenthalts in Riga befand sich etwas außerhalb. So etwa 30 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, mitten im lettischen Wald, liegt der Ort Kemeri.
Es ist ein ehemaliger russischer Kurort, der am Reißbrett entwickelt und dann mitten in den gleichnamigen Nationalpark gezimmert wurde.

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Man steigt am Bahnhof aus, so wie früher die reichen Leute aus Moskau. Gleich am Bahnhof existiert ein kleiner, gepflegter Park mit hübschen Parkbank. Hier ahnt man noch nicht, dass man hier einen Ort betritt, der sich so krampfhaft an die Vergangenheit krallt, wie ein Dreijähriger an seinen Lutscher. Die prächtige Hauptstraße zieren verfallen Villen aus Holz.

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Natürlich haben wir uns vorher Schnitten geschmiert, wir sind ja nicht dämlich, denn der Markt hat schon seit längerer Zeit geschlossen und Nahrung muss man sich notfalls in den Wäldern rund um den Ort jagen. Atputa heißt Erholung und wo kann man sich besser erholen als an einem Ort, wo einen keine Sau stört. Endlich Ruhe!

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Eine geschäftige Ladenzeile an der Hauptstraße. Und wenn der geneigter Leser jetzt denkt: Ach komm! Er wird doch jetzt nicht nur noch Bilder von leeren Gebäuden zeigen. Doch! Genau das ist der Plan, denn das ist das Markenzeichen dieses Ortes.

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Dass hier der Wahnsinn herrscht merkt man dann spätestens, wenn man den großen Stadtpark betritt. Wartet habe ich Stadt geschrieben? Kemeri ist ein winziges Nest mitten im Sumpf und der Park ist fast so groß wie der Rest. Ein riesiges Areal aus Rasen, Blumen und Parkbänken. Doch wohin führen die breiten, prächtigen Wege? Wer benötigt die Laternen und sitzt auf den vielen Parkbänken? Nirgendwohin und Niemand! Hinten kann man einen Wasserturm erkennen und rechts daneben ist eine Badeanstalt. Es sieht alles sehr schick aus, aber diese Illusion bekommt die ersten Risse, wenn man sich der Badeanstalt nähert.

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Denn die ist schon ordentlich abgefackelt und zerstört.

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Der Teil, der noch steht, sieht aber ganz schick aus. Langsam läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken, denn der Park ist so verrückt gut gepflegt, gleichzeitig ist dort aber keine Menschenseele anzutreffen. Vielleicht wohnt dem Ort ein Geist inne, der Blumen anpflanzt, den Rasen mäht und die Wege kehrt?
Wir gingen weiter in den Park hinein, am Wasserturm vorbei über die gesunden schwefelhaltigen Wasserquellen, wofür der Ort so berühmt ist. Man schiebt sich durch eine Hecke und dann kommt der Knaller!

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Im ersten Moment denkt man sich, das sieht so gut aus, das wird sicher noch genutzt. Aber nein, dieses majestätische, schicke Hotel ist tot. Als ob es aus einem Stephen King Roman entflohen ist, steht es da, wie das Overlook Hotel in The Shining. Und dann hatte ich auch noch kurz eine Person in den oberen Fenstern auf der linken Seite weghuschen sehen. Wenn man davor steht hat man sowieso schon das Gefühl, man werde aus tausenden Augen angestarrt. Der Park um das Hotel ist natürlisch ordentlich gepflegt und man kann sich richtig vorstellen, wie dort Hotelgäste spazieren gehen und die Natur genießen. Aber ich kann es nur wiederholen: Da ist keine Sau! Wozu also den Rasen mähen und die Blumen anpflanzen? Warum?

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Gleich neben dem Hotel steht dieser romantische Pavillon auf einer Insel, die auch die Liebesinsel genannt wird. Nur verlieben wird sich dort keiner mehr, nicht mal aus Versehen.

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Auch das Posthaus ist leer.

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Und dann haben wir tatsächlich zwei Menschen gesehen, die an einer wunderschönen orthodoxen Kirche arbeiten, die sogar noch in Betrieb ist. Das man das noch erleben darf.
Kemeri, ein Ort den man mal gesehen haben muss? Man kann es schlecht empfehlen, denn kommen ja Touristen hin und dann wirkt es nicht mehr so verrückt.

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Fassaden

Gebäude im Jugendstil prägen Riga enorm. IMG_4830

Das ist eine Fassade in der Albert Straße, der schönsten Straße Rigas, aber man findet solche Häuser im Prinzip überall, manchmal leider auch halb verfallen.

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Dazu muss man auch wissen, dass Riga im 2. Weltkrieg nicht verschont wurde und viele Häuser wieder aufgebaut werden mussten. Man sieht die Narben in der Stadt auch noch heute, denn es gibt viele Lücken in den Häuserreihen.

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In den Lücken findet man meist solche Holzhäuser, die oft sehr heruntergekommen aussehen. Ich bin mir nicht sicher, ob man diese Häuser nach dem 2 Weltkrieg in die zerbombten Lücken gesetzt hatte, oder ob es die schon vorher gab. Die sehen nämlich teilweise sehr alt aus.

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Zum Abschluss noch eines dieser imposanten Eckhäuser, die in Riga an jeder Ecke (hihi) zu finden sind. Oft sind diese mit spitzen Türmen geradezu burgmäßig aufgebaut. Leider habe ich versäumt die Eckhäuser zu fotografieren, bzw. viel zu spät damit angefangen. Durch andauernden Sonnenschein, war es eh schwierig die Häuser zu fotografieren. Ein bewölkter Himmel ist eben oft deutlich besser für Stadtaufnahmen geeignet. Tja, man kann eben nicht immer Glück mit dem Wetter haben. 😉

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Lettische Nationalbibliothek

Das Felsmassiv gegenüber der Altstadt von Riga stellt sich bei näherer Betrachtung als Nationalbibliothek heraus.
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Ich stehe moderner Architektur oft sehr kritisch gegenüber. Hätte man das Ding nicht auf die grüne Wiese, sondern mitten in die schöne Altstadt gezimmert, sähe das sicher nicht so schön aus. Der Ort ist gut gewählt, meiner Meinung nach. Es sieht so aus, als sei ein Raumschiff dort notgelandet und der untere Schiffsrumpf ist quasi zerstört. Vielleicht habe ich auch zu viel Fantasie…

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Man muss natürlich abwarten, wie es nach mehreren Jahren aussehen wird. Die Bibliothek ist ja erst ein Jahr lang geöffnet. Eine gewisse Patina steht dem Gebäude wohl eher nicht, man wird es wohl putzen müssen. Aber was weiß ich schon.

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Man könnte es ebenso als Trainingsort für Bergsteiger freigeben. Riga besitzt keine nennenswerten Erhebungen im Umkreis, das würden sicher viele Leute nutzen. Außerdem könne man ja auch im Winter, wenn Schnee liegt, Skiabfahrten organisieren. Man benötigt nicht mal einen Sessellift, denn das Gebäude hat sicher einen Fahrstuhl. Ihr seht, das ist nicht nur eine langweilige Bibliothek, sondern eins der interessantesten Gebäude Europas.

Riga – Eine Stadt in Lettland

Riga liegt in Lettland, aber selbst diese Info ist für viele schon zu viel des Guten. Man weiß wohl kaum was über die größte Stadt im Baltikum. Die Letten machen nicht gerade Werbung für ihre Stadt, viele gehen weg. Doch gerade für Sachsen kommen in dieser Stadt sofort Heimatgefühle auf, denn es sieht aus wie in Dresden oder Leipzig. Und das ist ja auch kein Zufall, denn die Stadt wuchs unter einem großen deutschen Einfluss. Zum Beispiel hören die Letten gerne deutsche Schlagermusik und denen gefällt das, höchstwahrscheinlich weil sie die Texte nicht verstehen. Das lettische Wort dafür ist übrigens lustigerweise Šlāgermūzik und man entdeckt noch viel mehr deutsche Wörter in der lettischen Sprache. Es sind zwar eigene Worte, aber man sieht sofort die Verwandschaft.

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Hier kann man den Fluss Düna sehen, ganz hinten das Felsmassiv der Nationalbibliothek und vorn die Markthallen der Stadt, wo sich wirklich die meisten Leute aufhalten und es eine Art Zentrum der Stadt ist.

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Orthodoxe Kirchen gibt es jede Menge in Lettland und die werden natürlich ausschließlich von Russen benutzt. Es gibt in Riga einen Stadtteil der heißt Moskauer Vorstadt und dort leben hauptsächlich Russen, denn die bilden einen nicht gerade kleinen Teil der Bevölkerung ab. Die Letten und Russen mögen sich nicht besonders und die Spannung bekommt man auch als Tourist mit. Man muss nur mal einen Letten zu dem Thema befragen. Es ist kompliziert. In der Sowjetunion hat Moskau Landsleute dort ansiedeln lassen, oft aus armen Regionen wie Sibirien, man versprach Geld und ein gutes Leben. Heute fühlen sich die Russen nicht als Letten, es sind aber auch keine Russen mehr, es gibt tatsächlich viele die einfach staatenlos sind. Viele sprechen nur russisch, was sich von lettisch sehr stark unterscheidet und sind schlecht integriert, wie man so schön sagt. Es sind aber auch Mentalitätsunterschiede: Der Lette ist sehr leise und verschlossen, der Russe ist oft laut und aggressiv.

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Die Fotos habe ich von diesem Turm da hinten links im Bild aufgenommen. Er ist ein Symbol für die sowjetische Unterdrückung, quasi die Vergangenheit, währenddessen vorne rechts die westliche Moderne Einzug erhalten hat. Der Turm sieht zwar immer noch prächtig aus, ist aber von innen kaum renoviert. Auch der Platz davor ist kahl und ungemütlich, es kommt einen so vor als ob das Absicht ist. Die Letten lassen den Turm zwar stehen, aber man kümmert sich nicht gerne darum.

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Hier ist eine der Markthalle zu sehen, die ursprünglich als Zeppelinparkplätze gedacht waren. Wer glaubt, dass diese Hallen in der heutigen Zeit der Supermärkte so langsam obsolet sind, der irrt gewaltig. Hier trifft sich die Stadt und es ist von morgens bis abends voller Menschen. Die Preise sind günstig und die Qualität ist hervorragend. Wir Deutschen ernähren uns grundsätztlich fast nur noch von geschmacklosem Abfall und wenn man dann die günstige Wurst, das einfache Brot und das Obst probiert bekommt man Geschmacksorgasmen. Da ist man zum Glück noch weit entfernt vom westlichen Lebensstil der Supermärkte und Fertiggerichte. Die Qualität der Waren war schon zu Sowjetzeiten sehr gut, man achtete auf gute Qualität aus der Region, doch kaum einer konnte es sich damals leisten. Heute ist das anders und viele Dinge haben sich gebessert.

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Hässliche Wohnblöcke findet man natürlich trotzdem, dafür muss man einfach nur auf die andere Seite des Flusses in den neueren Teil der Stadt, denn früher hat die Stadt nur auf der rechten Flussseite existiert.

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Mehr Bilder aus der Altstadt werde ich dann in einem gesonderten „Blogpost posten“. Es gibt ja noch einige Sachen zu zeigen. Die Bibliothek, die Altstadt, die wunderbaren Fassaden und Eckhäuser, die Ostsee…

Ziegelwände

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Manche Radwege…

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Die Jugend von heute

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