Ausflug ins Mittelformat

Mittelformat, dieses Wort bringt bei engagierten Fotografen ein Leuchten in die Augen. Es ist quasi die Champions League der Kameras. Digitale Mittelformatkameras sind extrem teuer, so ab 10000 Euro aufwärts und werden fast nur in der Mode- und Werbebranche eingesetzt oder eben von berühmten Fotografen wie Gursky.
Wer also mal ins Mittelformat schnuppern möchte, kommt um eine analoge Kamera nicht herum und so halte ich schon seit längerem danach Ausschau.
Bei meinem Großvater fand sich dann dieses gute Stück:
IMG_7149
Es ist eine Zeiss Ikon Super Ikonta II mit 105mm 3.5 Tessar Objektiv. Die wurde in den 30er Jahren hergestellt und ist somit echt uralt. Damals war diese Kamera wirklich eine der besten der Welt und leider kann ich meinen Opa nicht mehr fragen, wie er die sich überhaupt leisten konnte. Man kann damit Bilder auf 6 mal 9 Zentimeter belichten. Das ist eine riesige Fläche und man weiß ja, je größer die Fläche, umso besser ist die Bildqualität. Die 5D hat zum Beispiel „nur“ die Vollformatgröße 2,4 mal 3,6 Zentimeter.

Ich hatte natürlich bedenken, ob ich die Kamera überhaupt ausprobieren sollte. 5 Rollen 120er Farbfilm kosten 30 Euro und auf jede Rolle passen nur 8 Bilder. Ja ganze 8 Bilder!!! Wahnsinn he?
Sicher kein kostengünstiges Experiment, denn ich wusste ja nicht, ob die Kamera überhaupt noch ordentlich funktioniert.
Da ich ja schon seit Ewigkeiten mal beweisen wollte, dass man mit einer extrem alten Kamera immernoch bessere Bilder machen kann, als mit einem modernen Smartphone, griff ich zu. Das spornte mich an!! 🙂

Kurz zu Funktionsweise (Kann auch gerne überlesen werden, wer sich nicht dafür interessiert): Vorne am Objektiv stellt man die Belichtungszeit ein. Die Kürzeste ist 1/400, was echt wenig ist, damals aber Rekord war. (Zum Vergleich, die 5D schafft 1/8000s) Der Verschluss befindet sich im Objektiv, sowas nennt man Zentralverschluss und ist sehr leise. Die Blende stellt man auch dort ein. Für den Fokus schaut man durch ein Loch und dreht so lange bis die Doppelbilder im Entfernungsmesser übereinander liegen. Leider ist der bei meiner Kamera kaputt. Ein riesen Nachteil, da ich die Entfernung entweder schätzen oder mit der 5D ausmessen muss. Es ist eine Faltkamera mit einem Lederbalgen. Ewig halten solche Balgen natürlich nicht, die werden spröde und löchrig. Und ein Loch reicht um den Film zu versauen. Ich habe also mit einer Taschenlampe den Balgen auf Löcher überprüft und tatsächlich eins gefunden. So ein Mist! Doch ein kleines Stück Gewebeband und das Loch war dicht. Wichtig ist auch, dass der Film gerade und flach drin liegt. Das scheint auch nicht wirklich zu funktionieren, denn einige Bilder sind teilweise unscharf, weil der Film nicht ganz straff drin lag und sich leicht durchbog. Es ist also schon eine Art Lotterie! 🙂

Ich sag es gleich, die erste Rolle Film war völlig für den Hintern. Das Wetter war schlecht und die Resultate noch schlechter. Aber ich gab nicht auf und nahm das Teil mit nach London.
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Die Bilder aus London waren dagegen sehr, sehr gut! Ich war sehr erleichtert als ich mir diese gelungenen Abzüge ansah. Es ist tatsächlich was geworden. Es sieht ein bisschen aus wie aus einer anderen Zeit.
In London lernte ich auch, was das praktische an einer Faltkamera ist. Man kann sie tatsächlich in die Jackentasche stecken. Warum baut man sowas nicht mehr? Einen 6 mal 9 Sensor in so ein Gehäuse und ein modernes Objektiv. DAS WÄRE DIE KAMERA!! Extrem gute Bildqualität für die Jackentasche. Man denkt immer so eine Faltkamera ist unmodern, dabei wäre das ne echte Revolution.
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Das Objektiv ist natürlich nicht mehr so gut. Es ist kontrastarm und wurde natürlich nie für Farbfilme entwickelt, weil es die damals noch nicht gab. 🙂 Außerdem scheint hier der Film eine Wölbung zu haben, man sieht es ja am gebogenen Rand und links die Unschärfe im Bild.
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Das ist dann wohl das beste Bild aus der Kamera und gleichzeitig der Beweis das die alte Faltkamera tatsächlich ein Smartphone locker abhängen kann. Die Schärfe dieses Bildes ist beeindruckend.
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Hier ist mal das selbe Motiv aus der Canon 5D. Klar ist das ein unfairer Vergleich, aber ich finde ja so schlecht schlägt sich die Super Ikonta gar nicht. (Und nicht zu vergessen, mein Scanner schluckt natürlich auch noch Qualität)

Ich hoffe man sieht hier mal ganz gut, wie weit die deutsche Kameraindustrie Anfang des 19 Jahrhunderts schon war. Ich bin wirklich beeindruckt!
Es gilt eben wirklich, je größer das Format, umso besser die Bildqualität. Nur leider ist das Objektiv so schlecht, dass es diesen Vorteil dann wieder zunichte macht.

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2 Kommentare zu “Ausflug ins Mittelformat

  1. Ich bin echt erstaunt wie gut die alte Kamera funktioniert.
    Ich hab dir doch mal Bilder von der alten Pentacon meines Vaters gezeigt. Die sehen ähnlich aus find ich. Aber bestimmt nicht besser, eher andersrum.

    Ja ja das gute Alte.

    Schön schön schön

    • Ja von der Farbe her, sehen die ähnlich aus. Ich finde den Kodak Ektar schon sehr geil. Das wirkt so, als ob man London in den 70er Jahren fotografiert hätte… 🙂

      Vielleicht waren die Bilder deines Vaters auch nur schlecht gescannt und die Negative haben mehr Qualität. Vielleicht waren es sogar nur Abzüge, die eingescannt wurden.
      Ich habe schon ein bisschen herumprobieren müssen, bevor der Scanner die Negative ordentlich eingescannt hat. Und dann dauert das wirklich ewig!! Pro Bild so 5 bis 10 Minuten. Sind ja zum Glück nur 8 pro Film.

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